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Respekt und Mitsprache sind den Menschen kleiner Orte wichtig

26.02.2019

Altdöbern - Der Evangelische Kirchenkreis Niederlausitz rückt das Thema Heimat  in den Fokus einer Diskussionsreihe.

Von Birgit Keilbach/LR

 

Was macht das Landleben lebenswert?“ war die Frage einer Podiumsdiskussion am Freitagabend (15.02.) in Altdöbern. Mehr als 100 Menschen aus dem Ort und der Umgebung waren gekommen, um mit den Landespolitikern Wolfgang Roick (SPD) und Benjamin Raschke (Bündnis 90/Grüne) zu diskutieren. Beide arbeiten in der Enquete-Kommission „Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“ mit. Mit ihnen auf dem Podium saßen Pfarrerin Kathrin Schubert aus Calau und Karin Hammitsch aus Frankena, die sich im Verein „Wir für Frankena“ engagiert. Carla Kniestedt vom rbb moderierte den lebhaften, sachlich-kritischen Gedankenaustausch zwischen Podium und Publikum.

 

 

Vieles auf dem Land ist in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen: Bus- und Bahnverbindungen wurden gekappt, den Konsum gibt es vielerorts schon lange nicht mehr, lange Wege sind nötig, um Kitas, Schulen, Ärzten zu erreichen. Dennoch leben die Lausitzer gern hier, sind stolz auf ihre Heimat. Aber sie wollen respektiert werden. Doch zu oft herrsche das Gefühl vor, nicht wirklich ernst genommen zu werden.

Am Beispiel des Kampfes gegen die Windkraftanlagen im Chransdorfer Wald machte es der Altdöberner Bernhard Scherf deutlich. Das Verkomplizieren mache die Menschen müde, und die Vertreter der Windkraft hätten arrogant über die Köpfe der Betroffenen hinweg geredet. „Nicht respektiert und gehört zu werden, das demotiviert. Die Menschen hier erdulden vieles – mir fehlt aber der Respekt ihnen gegenüber.“ Pfarrerin Kathrin Schubert legte nach: „Es gehört auch eine Entschuldigung dazu, wenn etwas falsch gemacht wurde.“

Uwe Lehmann saß einige Jahre als sachkundiger Bürger in der Altdöberner Gemeindevertretung. Ihm sei aufgefallen, wenn immer wieder nachgestichelt werde, gäben sich Politiker mehr Mühe, Politik zu erklären. Das Engagement mit der Bürgerinitiative gegen den Ockerschlamm im Altdöberner See sei erfolgreich gewesen, doch „gegen die Windkraftanlagen im Wald haben wir gekämpft wie blöd, aber da steht eine ganz andere Armee dagegen“, brachte er das Gefühl der Ohnmacht zum Ausdruck. Desillusioniert habe ihn auch, das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten. „Im persönlichen Gespräch sagen sie, dass die dagegen sind, abgestimmt wird trotzdem dafür.“

Große Zustimmung erhielt die Bitte von Altdöberns Bürgermeister Peter Winzer, dass auch von den bestehenden Windkraftanlagen die Kommunen etwas abbekommen, nicht nur von den neu errichteten. Denn dafür sollen die Betreiber künftig 10 000 Euro an die betreffenden Kommunen zahlen. Für Projekte, die allen Einwohnern zu Gute kommen, wie die zwei Landtagsabgeordneten informierten. „Wir als Gemeinde haben keinen ausgeglichenen Haushalt, schaffen es nicht mal, die freiwilligen Aufgaben abzusichern“, so Peter Winzer. Die Zustimmung im Publikum war ein eindeutiges Votum, dass dieses Problem in Potsdam auf die Agenda kommen muss.

Mehr Geld für kleine Gemeinden steht auch in Potsdam schon auf dem  Programm. „Da läuft im Finanzausgleich des Landes etwas falsch“, vermittelte Benjamin Raschke die Erkenntnis. Denn viele Kommunen im ländlichen Raum arbeiteten mit Haushaltssicherungskonzepten. „Wir waren davon ausgegangen, dass die Kommunen von den Windkraftbetreibern Gewerbesteuer bekommen. Das hat nicht funktioniert“, nannte er den Denkfehler. Für den Ausbau der Internet-Struktur würden rund 22 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, ging Wolfgang Roick auf die Kritik von Bürgermeister Peter Winzer ein, dass es in vielen Dörfern nicht einmal Mobilfunk-Empfang gäbe. Zudem sei auf Initiative der Enquete-Kommission nun in der Kommunalverfassung festgeschrieben, dass die Jugend in allen Belangen beteiligt werden muss und die Ortsvorsteher mehr Rechte bekommen. Drittens werden in den Regionalen Planungsgemeinschaften künftig auch Vertreter von kleinen Gemeinden ab 5000 Einwohnern sitzen.

Eine Reihe weiterer Aspekte für eine lebenswerte Zukunft auf dem Lande gaben die Zuhörer den Mitgliedern der Enquete-Kommission mit auf den Weg. Marlis Rohde aus Suschow regte an, Verkehrsströme langfristig zu betrachten, wenn touristische Anziehungspunkte entstehen. Denn durch Suschow fließe jetzt der Touristen- und der Lieferverkehr für die Therme in Burg. Christel Paulick aus Ogrosen wünscht sich mehr Anreize für die Ansiedlung von Fach- und Allgemein­ärzten. Die Schulbusverbindungen mit zum Teil unzumutbaren Fahrzeiten waren auch ein Kritikpunkt.

„Ich finde es gut, dass Politiker zu uns kommen, um kritische Fragen zu hören und Denkanstöße mitzunehmen. Es war eine höfliche und sachliche Atmosphäre, obwohl es emotionale Themen waren“, resümierte Harald Kupsch aus Ranzow. „Und ich habe jetzt eine Vorstellung von dieser Enquete-Kommission“, ergänzte er.

 

Foto: Die Diskussionsrunde mit zwei Landtagsabgeordneten im Altdöberner Lutherhaus findet großen Zuspruch. Viele Leute aus dem Publikum nutzten die Gelegenheit, ihnen ihre Wünsche für ein lebenswertes Leben auf dem Lande mit auf den Weg zu geben. FOTO: Birgit Keilbach