Thomas Zenker nimmt nach 32 Jahren Abschied
Nach 32 Jahren im Amt verabschiedet sich Bürgermeister Thomas Zenker aus dem Rathaus. Rückblick auf eine Amtszeit, die von Herausforderungen und der Neugestaltung Großräschens geprägt war.
Als Thomas Zenker (SPD) zurückblickt, tut er das nicht mit Pathos. Eher mit der ruhigen Nüchternheit eines Mannes, der gelernt hat, dass politische Entscheidungen selten Applaus bringen – wohl aber Verantwortung. Wir sitzen am Tisch, sprechen über Anfänge, Brüche, Visionen. Und über eine Stadt, die sich neu erfinden musste, weil sie nach 1990 ihre Basis und ihr Selbstverständnis als Industriestadt verloren hatte.
Als Zenker Anfang der 1990er Jahre Bürgermeister von Großräschen wird, ist die Lage dramatisch. Innerhalb kürzester Zeit sind tausende Arbeitsplätze weggebrochen. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei fast 40 Prozent, inoffiziell noch deutlich höher. Die Menschen verlieren nicht nur ihre Jobs, sondern ihre Perspektiven. Zugleich wird Großräschen-Süd abgebaggert – ein ganzer Stadtteil verschwindet, mitsamt Wohnungen, Industriebetrieben und Lebensgeschichten. Entschädigungen fallen gering aus, viele fühlen sich enteignet. Die Stadt schleppt zudem eine Schuldenlast von rund 200 Millionen D-Mark mit sich – ein Erbe aus DDR-Zeiten, übernommen durch den Einigungsvertrag, wegen des Kohleersatzwohnungsbaus der 1980er Jahre.
Bürgermeister: Verantwortung, Poliklinik und Grundstücksfragen
Zenker ist damals 32 Jahre alt. Überraschend gewinnt er die Bürgermeisterwahl im ersten Wahlgang mit deutlicher Mehrheit. Als ehemaliger Stadtverordneter weiß er, worauf er sich einlässt, und bringt Erfahrung mit: Als Geschäftsführer eines Wasserverbandes trägt er bereits Verantwortung für viele Beschäftigte. Doch der Einstieg ins Amt ist alles andere als leicht.
Die städtische Poliklinik geht in Konkurs, die medizinische Versorgung steht auf dem Spiel. Zenker übernimmt 1994 eine Doppelrolle als Bürgermeister und Konkursverwalter – ein Kraftakt, der die Stadt eine Millionen-Bürgschaft kostet, aber die Versorgung sichert. Wer diesen Hintergrund kennt, versteht das Engagement Zenkers in Bezug auf die geplante MEG-Beteiligung der Stadt Großräschen.
Parallel blockieren Restitutionsansprüche aus der Ära der Ilse Bergbau-AG nahezu jedes Grundstück der Kommune. Erst nach jahrelangen Verhandlungen mit dem Bundesfinanzministerium gelingt im Jahr 2006 ein Rechtsfrieden, der wirtschaftliche Entwicklung überhaupt wieder möglich macht.
Vision, Bauausstellung und touristische Entwicklung der Seestadt
Mitte der 1990er Jahre entsteht in dieser Situation eine Idee, die heute als Wendepunkt gilt: die Vision von der Seestadt. Gemeinsam mit Weggefährten entwickelt Zenker den Plan, die Tagebaulandschaft in eine Seenlandschaft zu verwandeln – und Großräschen neu zu positionieren.
Die Internationale Bauausstellung wird zum Motor. Der Hafen entsteht, die Seebrücke wird gebaut, lange bevor Wasser da ist. Vieles geschieht pragmatisch, manches mit Mut zum Risiko. „Heute würde das alles zehn Jahre dauern“, sagt Zenker und schüttelt den Kopf. Damals reichten manchmal Handschlag und Vertrauen. Die große Skizze an der Wand im Bürgermeisterbüro erinnert ihn stets an das Projekt.
Ein politischer Meilenstein ist für ihn der Überleiter 11, der den Großräschener See mit dem Sedlitzer See verbindet. Erst damit wird Großräschen Teil der touristischen Seenkette. Es sind solche Projekte, die Zenkers Amtszeit prägen – langfristig gedacht, oft gegen Widerstände durchgesetzt.
Großräschen: Stadtumbau, Gewerbegebiete und Lebensqualität
Großräschen entwickelt sich nach der politischen Wende von der schmutzigen Industriestadt hin zu einer lebenswerten Kleinstadt. Der sei mit ihren vier gut gefüllten Gewerbegebieten einerseits ein wirtschaftlicher Neuanfang gelungen. Andererseits sorgen Stadtumbau, Innenstadtsanierung und besonders der Landschaftswandel für eine gesteigerte Wohn- und Erholungsqualität. Für die Zukunft der Stadt sei eine gute Basis gelegt, ist er überzeugt.
Bürokratie, Internet und kommunale Strukturen fordern heraus
Doch die Herausforderungen haben sich verändert. Zenker spricht offen über die zunehmende Aggressivität im Internet, über anonyme Angriffe, permanente Erreichbarkeit, fehlende Gesprächskultur. Gerade für jüngere Amtsträger sieht er darin eine ernsthafte Gefahr. Auch die zunehmende Bürokratie bereitet ihm Sorgen. Gleichzeitig warnt er davor, die kommunalen Strukturen zu klein zu denken: Verwaltungen müssten künftig größer aufgestellt sein, um fachlich bestehen zu können.
Was wünscht er sich für die Zukunft? Der Blick in die Vergangenheit offenbart eine große Stärke der Stadt: den Zusammenhalt über die schwierigen Jahre hinweg. Bürgermeister Zenker wünscht sich, dass dieses Grundvertrauen auch seinem Nachfolger entgegengebracht wird. Ein gemeinsames Verständnis darüber, dass alle Beteiligten das Beste für die Stadt wollen, sei die Grundlage für Fortschritt.
Das nimmt sich der Noch-Bürgermeister für die Zeit danach vor
Der Ruhestand wird für den dann ehemaligen Bürgermeister kein Stillstand. Man werde ihn weiterhin im Seenland antreffen, sagt Thomas Zenker, der in diesem Jahr 65 Jahre wird. Er wird sich weiter engagieren – bei der Fahrgastschifffahrt, bei der Sanierung der „Wilden Ilse“, beim Projekt Campus IBA-Terrassen. Er bleibt Gestalter, nur ohne Rathaus. Mit der Vorstellung, tagtäglich im Garten zu sitzen und „Hühner zu züchten“, kann er sich – Stand jetzt – nicht anfreunden, sagt er schmunzelnd.
Sein Rat an die Bürger ist klar: Die Gesprächskultur, die er als Stärke von Großräschen ansieht, möge erhalten bleiben: mehr Miteinander, mehr direktes Gespräch. Kritik ja – aber nicht nur im Netz. Demokratie lebe vom Vertrauen und von Eigeninitiative. Entscheidungen, sagt Zenker zum Abschied, müssten so getroffen werden, dass sie möglichst auch in 20 Jahren noch tragen.
Für Großräschen war das mehr als ein politischer Leitsatz. Es war eine Überlebensstrategie.
Ein Artikel von Silke Wentingmann-Kovarik
Bild zur Meldung: Thomas Zenker übergibt das Steuerrad an seinen Nachfolger André Lehnick - Foto: Silke Wentingmann-Kovarik










